Warum Tauchen manchmal gegen Pogo verliert

Es gibt Bands, die hört man einfach. Und es gibt Bands, die laufen irgendwie über Jahre mit.
Die Toten Hosen gehören für mich ziemlich eindeutig zur zweiten Kategorie. Nicht jeden Tag. Nicht immer vorne im Regal. Aber immer wieder da. In Erinnerungen, auf alten CDs, auf Partys, im Ferienlager, im Auto, auf Konzerten, irgendwo zwischen Punk, Nostalgie und einem sehr lauten „Weißt du noch?“.
Und wenn eine solche Band dann ihre Abschiedstournee spielt, dann will man eigentlich dabei sein.
Eigentlich.
Der erste Versuch: Fünf Minuten und alles weg
Direkt nach Verkaufsstart saß ich natürlich bereit. Düsseldorf, Köln, Münster, alles, was irgendwie in erreichbarer Nähe lag, war interessant.
Und dann passierte das, was bei solchen Bands eben passiert: Nach gut fünf Minuten war gefühlt alles weg.
Ausverkauft.
Schade. Sehr schade sogar. Denn die Punker um Campino noch einmal live zu erleben, hätte ich schon ziemlich gerne mitgenommen.
Kurz darauf kam dann aber die Nachricht, dass in Münster zusätzliche Konzerte stattfinden würden. Also noch ein Versuch. Diesmal mit mehr Glück. Ich konnte Karten für Anne und mich ergattern.
Damit war das Thema eigentlich erledigt.
Eigentlich.
Köln, Düsseldorf und das Ticket-Karussell
Zu Weihnachten gab es dann noch einmal eine Überraschung: zwei Karten für das Wochenende am 18. Juli in Köln.
Ein tolles Geschenk.
Nur leider genau an einem Wochenende, an dem wir schon verplant waren. Keine Chance. Die Tickets fanden aber immerhin dankbare Abnehmer und mussten nicht traurig in irgendeiner digitalen Schublade verstauben.
Dann bot Callipo mir ein Ticket für Düsseldorf an.
Nur eins.
Und eigentlich wollte ich ja mit Anne hin. Außerdem war ich am Freitag eigentlich mit Marcel zum Tauchen verabredet. Also ging dieses Ticket erst einmal als Geburtstagsgeschenk von uns an Maria.
Und dann kam sie doch noch: die Nachricht über zwei weitere Tickets.
Tja.
Marcel, der vor rund 30 Jahren zuletzt auf einem Konzert der Toten Hosen war, musste nicht lange überzeugt werden. Aus Tauchen wurde also kein Tauchen. Statt Neopren, Flasche und Maske gab es Stadion, Bier und Pogo.

Auch eine Art Extremsport.
Bad Nerves, Rise Against und ein sehr optimistischer Punk
Den Anfang machten Bad Nerves. Leider war der Sound bei ihnen nicht wirklich dankbar abgemischt. Da wäre vermutlich mehr drin gewesen, aber so richtig gezündet hat es bei mir nicht.
Danach kamen Rise Against.
Auch hier war der Start für mich erst etwas holprig. Der Gesang wirkte zunächst irgendwie schräg, zumindest aus unserer Position. Aber ab dem vierten Lied war es dann richtig stark.
Und dann war da natürlich der Pogo Circle.
Ich war direkt mit Callipo drin, und der hatte es in sich. Gefühlt härter als noch bei Rock am Ring. Vielleicht lag es an der Arena. Vielleicht an der Stimmung. Vielleicht daran, dass niemand so richtig wusste, ob man gerade eine Vorband feiert oder schon heimlich den eigenen Rücken ruiniert.
Besonders sonderbar wurde es, als ein junger Punk mit vielleicht 60 Kilo Körpergewicht die aus sportlicher Sicht eher ambitionierte Idee hatte, mich auf die Schultern zu nehmen.
Zur Erinnerung: Ich wiege inzwischen zwar keine 110 Kilo mehr, aber immer noch deutlich über 90.
Das Vorhaben war mutig. Die Ausführung war kurz. Das Ergebnis war ein Video, auf dem wir beide ziemlich lustig und wenig elegant in die Menge kippen.
Punk ist eben auch, wenn die Statik nicht ganz mitspielt.
Opel-Gang und Abschiedsstimmung
Dann kamen die Toten Hosen.
Los ging es mit „Opel-Gang“, und sofort war klar: Das wird kein Abend, an dem man einfach nur ein paar Lieder hört. Das wurde eine Reise durch Jahrzehnte.
Alte Stücke wechselten sich mit Songs vom neuen Album „Trink aus, wir müssen gehen“ ab. Und genau das machte den Abend so stark. Es war nicht einfach ein Best-of-Programm, bei dem man brav die Pflichtklassiker abhakt. Es fühlte sich eher an wie ein Rückblick, der trotzdem noch mitten im Leben steht.

Die Band wirkte emotional. Das Publikum sowieso.
Und irgendwo zwischen all den bekannten Refrains, den neuen Liedern, den hochgerissenen Armen und Campinos Präsenz auf der Bühne merkte man: Das hier bedeutet vielen Menschen etwas. Nicht nur uns.
Drei Zugaben, Broilers-Moment und Ärzte-Cover
Am Ende gab es noch drei Zugaben.
Ein besonderer Moment war der gemeinsame Auftritt mit Sammy Amara von den Broilers. Die Düsseldorfer Jungs gaben mit ihm zusammen ein Stück zum Besten, wie man es auch von den Extra-Stücken der LP kennt.
Und dann wurde es noch einmal herrlich schräg und großartig zugleich: Die Toten Hosen coverten „Schrei nach Liebe“ von den Ärzten.
Das ist schon eine besondere Form von Punk-Geschichte. Die einen spielen die anderen. Alle singen mit. Und irgendwie passt es dann doch perfekt.
Freunde, Bommerlunder und sehr viel eigene Geschichte
Bei „Freunde“ lagen wir uns in den Armen.
Und bei „Eisgekühlter Bommerlunder“ bin ich gedanklich sofort wieder im Ferienlager. Das Lied ist für mich gar nicht nur ein Partysong. Es ist auch Erinnerung. An früher. An laut sein. An Quatsch machen. An Sommer, Gruppen, Lagerfeuerstimmung und diese ganz eigene Art von Jugendgefühl, die man später nie wieder ganz genauso bekommt.
Meine erste CD der Toten Hosen war „Learning English Lesson One“.
Danach kamen viele weitere.
Und auch wenn ich die Hosen nicht ständig höre, waren sie über die Jahre immer wieder da. Als Soundtrack zu Momenten, die man gar nicht alle einzeln aufzählen kann.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum dieser Abend so gut funktioniert hat. Es ging nicht nur um eine Band auf einer Bühne. Es ging auch um die eigene Geschichte mit dieser Band.
Trink aus? Noch nicht ganz.
Am Ende war es ein toller, mega gelungener Abend.
Mit Energie. Mit Emotionen. Mit einer super Stimmung. Mit alten Erinnerungen und neuen Geschichten. Mit Callipo im Pogo. Mit Marcel statt beim Tauchen im Stadion. Mit Maria dank Geburtstagskarte ebenfalls dabei. Und mit einem sehr ambitionierten Punk, der mich kurzzeitig für tragbar hielt.
Das Schönste ist: Die Schallplatte ist auf dem Weg zu mir und kommt morgen an.
Noch besser: Im September sind wir noch einmal dabei.
Und wenn es irgendwie möglich ist, brauche ich für das nächste Jahr auch noch Karten am Ende der Tournee.
Denn so ganz fertig bin ich mit den Toten Hosen dann wohl doch noch nicht.

Trink aus, wir müssen gehen?
Ja.
Aber bitte noch nicht sofort.
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