Im ersten Teil ging es darum, warum ich mich als Steuerberater überhaupt an eine App setze. Jetzt zur Sache: Wie aus vier Fragen in zehn Urlaubsabenden ein Werkzeug wurde und was es kann.

Anderthalb Stunden für einen Dateidialog

Ausgangslage am Abend des 8. August: ein iPad Pro mit Magic Keyboard, kein Mac, kein Plan. Meine Programmierkenntnisse stammen anscheinend aus einer anderen Zeit

Swift hatte ich nie angefasst, iOS-Entwicklung nie auch nur aus der Ferne betrachtet und eigentlich hatte ich auch erwartet mit KI gar nicht viel selber tippen zu müssen … „leider“ nicht am IPad.

Die erste Hürde war entsprechend banal: Welche App lädt man überhaupt? Die Antwort heißt Swift Playground, ist kostenlos und läuft auf dem iPad. Die zweite Hürde war schlimmer. Ich habe rund anderthalb Stunden gebraucht, um ein bereits angelegtes Projekt wieder zu öffnen. Nicht wegen des Codes, sonder aufgrund Apples Dateidialog. Ich bin auch schon mal schneller in neue Software eingestiegen.

Drei Abende bis zur brauchbaren App

„Hello World“ war als Messlatte für den ersten Abend zu niedrig. Am Ende des ersten Abends stand eine navigierbare Spieleliste, die ihre Daten als JSON speicherte und jedem Spiel einen Redaktionsstatus mitgab – berichtet, geplant, offen. Aus Redaktionssicht wäre ich fast fertig …

Tag zwei brachte den zentralen Datenspeicher, die Personenverwaltung, die Partienerfassung mit Fotos und Eindrücken, Suche, Filter, einen Textexport und ein App-Icon. Tag drei die Struktur in Reitern, erste Statistiken, das Elo-Ranking, Import und Export sowie Coverbilder.

Drei Abende von null auf funktionsfähig. Was dabei half, waren weniger die alten Programmierkenntnisse als das Datenmodell-Denken: Welche Entitäten gibt es, wie hängen sie zusammen, was ist ein eigener Datensatz und was nur ein Attribut? Wirtschaftsmathematik und Jahre mit Datenbanken zahlen sich an dieser Stelle aus. Wer eine Spielesammlung sauber modelliert, hat die halbe App.

150 Spiele aus Regalfotos

Die schönste Abkürzung kam am dritten Tag. Statt 150 Titel abzutippen, habe ich unser Regal fotografiert. Claude hat die Buchrücken gelesen und daraus eine Liste gemacht, ich habe korrigiert, wo die Schachtelkante zu wenig hergab oder eine Erweiterung als eigenständiges Spiel durchging.

Das ist keine Magie und es war auch nicht fehlerfrei. Aber der Unterschied zwischen „ich tippe drei Abende lang Titel ab“ und „ich prüfe eine Stunde lang eine Liste“ entscheidet darüber, ob so ein Projekt überhaupt bis zum Ende kommt.

HTTP 401

Am vierten Tag sollte BoardGameGeek dazukommen – Verlag, Autor, Grafik, Erscheinungsjahr, Komplexität, Bewertung, Rang, Cover. Die XML-Schnittstelle von BGG ist seit vielen Jahren dieselbe, sie ist gut dokumentiert, und sie antwortete: HTTP 401.

Der Grund: BGG verlangt seit dem letzten Jahr eine Registrierung für die API. Nicht-kommerzielle Nutzung bleibt kostenlos, Auflage ist im Wesentlichen das „Powered by BGG“-Logo. Also Antrag gestellt und ins Bett gegangen. Am Folgetag war er genehmigt.

Danach ging es schnell: ein Stapelabgleich für alle Spiele auf einmal, ein Picker für Erweiterungen, und schließlich der Crowdfunding-Bereich mit 99 Projekten, die aus einer Excel-Tabelle einwanderten.

Was die App heute kann

Die Sammlung. 150 Spiele mit den BGG-Daten im Rücken. Viele Titel müssen nach dem Urlaub noch erfasst werden. Die App führt bewusst den deutschen Schachteltitel und daneben den englischen BGG-Titel. Wer je versucht hat, eine deutsche Sammlung gegen eine englische Datenbank zu pflegen, weiß, warum das kein Detail ist. Und wichtige (eigentlich bekannte) Erkenntnis: Man brauch reine ID und nicht den Namen, um den Abgleich sauber und regelmäßig hinzubekommen.

Die Partie. Wer hat mitgespielt, wie lange, was ist passiert. Dazu Fotos, ein Eindruck in Textform und eine Note pro Person auf einer Zehnerskala. Nach ein paar Wochen ist das ein Spieltagebuch, das keiner von Hand geführt hätte.

Das Ranking. Statt jeden zu bitten, 150 Spiele in eine Reihenfolge zu bringen, was niemand tut, zeigt die App immer zwei Spiele nebeneinander: Welches lieber? Daraus entsteht pro Person eine Elo-Wertung. „Kenne ich nicht“ ist eine gültige Antwort und verzerrt die Wertung nicht. Josef, Maja und ich haben damit drei sehr unterschiedliche Ranglisten über dasselbe Regal.

Der Vorschlag. Das ist die Karteikarten-Verlosung von 2016, nur klüger. Wer spielt mit, wie viel Zeit haben wir, worauf haben wir Lust — und heraus kommen fünf Titel aus der Schnittmenge der persönlichen Top 50 aller Beteiligten. Dazu einer, den wir lange nicht auf dem Tisch hatten. Der sechste ist mir der liebste: Er bringt genau die Spiele zurück, für die früher die Karten zuständig waren.

Die Crowdfunding-Ecke. Gut 99 Projekte über ihren gesamten Lebenszyklus, vom Pledge bis zur Lieferung, dazu eine Bewertung der Verlage und eine Merkliste für Essen. Erstmals kann ich die Frage „was steht eigentlich noch aus?“ beantworten, ohne alte E-Mails zu durchsuchen. Her muss ich allerdings noch etwas manuelle Pflege einplanen.

Der Redaktionsexport. Der Teil, den nur wir brauchen, der aber der Grund für vieles andere war. Auf Knopfdruck entsteht eine Artikelvorlage: zuerst meine eigenen Notizen, dann die Stimmen der Mitspielenden, dann die Zahlen aus den Partien, dann die BGG-Daten und ein etwaiger Verlagstext klar als Fremdtext ausgewiesen. Diese Reihenfolge ist Absicht. Im Artikel soll von uns ja kein zweiter Verlagstext geschrieben werden.

Zwei Entscheidungen, die sich gelohnt haben

Die eine ist die mit den Titeln: deutsche Schachtel vorne, BGG-Titel daneben. Die andere betrifft Erweiterungen. Sie liegen im Datenbestand als eigene Einträge, so wie BGG sie führt, erscheinen in der Sammlungsliste aber unter dem jeweiligen Grundspiel. Das klingt nach Kleinkram, entscheidet aber darüber, ob Statistiken stimmen und ob man eine Erweiterung wiederfindet, deren Karten längst in der Grundspielschachtel stecken.

Beides waren Entscheidungen, die ich getroffen habe, nicht das Modell. Und das ist der Übergang zum dritten Teil: Wie die Arbeitsteilung zwischen Mensch und KI tatsächlich aussah, was dabei gründlich schiefging und was ich daraus für die Kanzlei mitnehme.

Teil 3: Was schiefging, und was ich gelernt habe.