Die SPIEL beginnt schon lange vor der SPIEL
Es gibt wohl kaum eine Veranstaltung im Jahr, auf die wir uns als Brettspielfamilie so sehr freuen wie auf die SPIEL in Essen. Vier Tage voller Brettspiele, Neuheiten, Begegnungen und Entdeckungen. Und auch wenn wir seit vielen Jahren regelmäßig nach Essen fahren, hat sich an einer Sache nichts geändert: Die Vorfreude beginnt lange bevor wir zum ersten Mal die Messehallen betreten.
Eigentlich gehört die Vorbereitung längst zum Erlebnis dazu.
Seit Jahren haben wir unser kleines Ritual. Schon auf der Autofahrt nach Essen läuft ein Brettspiel-Podcast, der uns auf die kommenden Stunden einstimmt. Und natürlich beginnt das nicht erst auf der Autobahn. Bereits in den Wochen zuvor werden Neuheiten vorgestellt, persönliche Favoriten diskutiert und lange Listen mit Spielen besprochen, die man sich auf der Messe unbedingt ansehen sollte.
Dabei begleiten uns vor allem drei Podcasts: Brettzeit, Board Game Theory und Die Brettagogen.
Drei Podcasts, die auf ihre jeweils eigene Weise zeigen, wie vielfältig unser Hobby eigentlich ist.
Paul und Nick von Brettzeit begeistern sich besonders für die großen Kampagnenspiele, umfangreiche Abenteuer und Titel, die gerne einmal einen erheblichen Teil des Spieltisches einnehmen. Wer wie wir Spaß an großen kooperativen Herausforderungen, Charakterentwicklung und aufwendigen Spielwelten hat, findet hier regelmäßig neue Anregungen.
Die Brettagogen schlagen dagegen häufig eine andere Richtung ein. Hier begegnen uns auch die kleineren Spiele, Familien- und Gelegenheitsspiele und Titel, die vielleicht keinen ganzen Abend beanspruchen, aber trotzdem mit einer spannenden Idee oder einem besonderen Mechanismus überzeugen können.
Und Board Game Theory? Die Jungs bewegen sich irgendwo dazwischen und eigentlich auch überall sonst. Von anspruchsvollen Strategiespielen bis zu ungewöhnlichen Neuheiten ist vieles dabei. Gerade diese Bandbreite gefällt uns.
Denn wenn wir ehrlich sind, passt keiner dieser Schwerpunkte allein so richtig zu uns. Oder vielleicht passen sie gerade deshalb alle drei.
Wir lieben große Kampagnenspiele, verlieren uns gerne über Stunden in komplexen Expertenspielen und können uns für ausgefeilte Spielmechaniken begeistern. Genauso gerne holen wir aber ein kleines Kartenspiel aus dem Regal, probieren ein ungewöhnliches Familienspiel aus oder lassen uns von einem Titel überraschen, den wir vorher überhaupt nicht auf dem Schirm hatten.
Diese Mischung prägt nicht nur unser Spieleregal, sondern auch die Spielwiese der Hügelzelter. Und entsprechend wollen wir uns auch auf der diesjährigen SPIEL nicht auf eine bestimmte Kategorie festlegen.
Dieses Jahr ist trotzdem etwas anders
So vertraut unsere Vorbereitung mit Podcasts, Neuheitenlisten und ersten Favoriten auch ist, in diesem Jahr hat sich ein weiterer Schwerpunkt dazugesellt.
Seit Mitte des Jahres entwickle ich unsere eigene Brettspiel-App, die Hügelzelter-App. Was ursprünglich vor allem der Verwaltung unserer Spielesammlung und der Erfassung unserer Partien dienen sollte, hat inzwischen eine Reihe weiterer Funktionen bekommen. Darunter auch eine Übersicht unserer unterstützten Crowdfunding-Projekte.
Und genau dieser Bereich hat mich in den letzten Wochen vor der SPIEL besonders beschäftigt.
Denn beim Blick auf unsere offenen Kampagnen wurde mir noch einmal bewusst, wie viele Spiele wir über Kickstarter und Gamefound bereits unterstützt haben, die bislang noch nicht bei uns angekommen sind.
Welche dieser Projekte könnten auf der SPIEL vertreten sein? Welche Verlage haben einen Stand? Wie weit sind die Entwicklungen fortgeschritten? Gibt es inzwischen einen konkreten Auslieferungstermin? Können wir vielleicht schon einen Prototyp ausprobieren? Oder lässt sich das eine oder andere Spiel sogar direkt auf der Messe abholen?
Aus diesen Fragen wurde ziemlich schnell mehr als ein gelegentlicher Blick auf die Crowdfunding-Plattformen.
Ich habe unsere Kampagnen in der App ergänzt, fehlende Links nachgetragen, mich mit Schnittstellen zu Kickstarter und Gamefound beschäftigt und neue Funktionen entwickelt, um die Projekte nach Verlagen zu sortieren, offene Fragen festzuhalten und eine Liste für die Messe zusammenzustellen.
Natürlich lief dabei nicht alles auf Anhieb so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Aber gerade das gehört wohl dazu, wenn man neben dem eigentlichen Hobby auch noch Spaß daran entwickelt, die passenden Werkzeuge dafür selbst zu programmieren.
Und so habe ich in diesem Jahr einen erstaunlich großen Teil meiner Messevorbereitung nicht mit den eigentlichen Neuheiten, sondern mit unserer eigenen App und den bereits unterstützten Spielen verbracht.
Das hatte allerdings auch eine interessante Konsequenz: Während in den Podcasts längst die nächsten großen Messetitel diskutiert wurden und auf BoardGameGeek die üblichen Hype-Listen immer länger wurden, war ich gedanklich häufig noch bei den Spielen, auf die wir ohnehin schon warteten.
Der klassische Blick auf die Neuheiten der SPIEL, die offizielle Messe-App und die Hype-Titel auf BoardGameGeek ist deshalb in diesem Jahr etwas später dran als sonst.
Aber vielleicht ist das gar nicht so verkehrt.
Schließlich liegen in unserem Crowdfunding-Regal der Zukunft schon mehr als genug spannende Spiele. Und was könnte besser zur Vorbereitung auf eine Brettspielmesse passen, als sich zunächst einmal anzusehen, was aus all den Projekten geworden ist, für die wir uns in den vergangenen Jahren begeistert haben?
75 Kampagnen, 31 offene Lieferungen und jede Menge Fragen
Als ich mir unsere Crowdfunding-Projekte etwas genauer ansah, war ich selbst überrascht, wie viele Kampagnen sich über die vergangenen Jahre angesammelt hatten.
Inzwischen stehen 75 unterstützte Projekte in unserer Hügelzelter-App. 44 davon sind bereits bei uns angekommen, auf 31 warten wir noch. Natürlich ist es nicht so, dass wir diese Spiele irgendwann einmal unterstützt und anschließend vergessen hätten. Immer wieder schauen wir nach Updates, verfolgen die Entwicklung und freuen uns, wenn die nächste Versandankündigung im E-Mail-Postfach landet.
Allerdings passiert das im Alltag eher nebenbei. Hier ein Update von Kickstarter, dort eine Nachricht von Gamefound, zwischendurch die Ankündigung einer weiteren Verzögerung. Irgendwann verliert man dabei durchaus den Überblick.
Die bevorstehende SPIEL war deshalb eine schöne Gelegenheit, unsere offenen Projekte einmal systematisch durchzugehen. Welche Verlage sind in Essen vertreten? Wie weit sind die Entwicklungen fortgeschritten? Gibt es inzwischen konkrete Auslieferungstermine? Können wir vielleicht schon einen Prototyp ausprobieren oder sogar das eine oder andere Spiel direkt auf der Messe abholen?
Gerade die letzte Frage ging mir bei der Durchsicht immer wieder durch den Kopf: Hatte ich vielleicht in irgendeinem der zahlreichen Kampagnenupdates übersehen, dass eine Abholung auf der SPIEL angeboten wird?
Aus einer Liste wird ein Messebegleiter
Unsere App hatte bereits eine Übersicht der unterstützten Crowdfunding-Projekte. Für die Messe wollte ich diese allerdings noch etwas praktischer gestalten.
Also habe ich angefangen, neue Funktionen zu ergänzen. Die Kampagnen lassen sich inzwischen nach Verlagen gruppieren, bereits gelieferte Spiele ausblenden und für jedes Projekt können wir Fragen notieren, die wir vor Ort stellen möchten. Auch Bilder der Kampagnen und direkte Verknüpfungen zu Kickstarter und Gamefound sind hinzugekommen.
Besonders interessant war dabei die Möglichkeit, Informationen direkt von den Crowdfunding-Plattformen abzurufen. Gamefound bietet dafür eine öffentliche Schnittstelle, Kickstarter dagegen nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten. Und so habe ich mich in den vergangenen Tagen nicht nur mit der Programmierung, sondern auch mit Datenabgleichen und den Eigenheiten der verschiedenen Plattformen beschäftigt.
Ganz automatisch funktioniert das Ganze weiterhin nicht. Gerade die interessanten Fragen nach Produktionsstand, möglichen Verzögerungen und Auslieferung lassen sich nicht einfach zuverlässig auslesen. Dafür muss man weiterhin die Updates lesen.
Immerhin haben wir inzwischen auch eine Exportfunktion für CSV-Dateien, die sich beispielsweise in Excel öffnen lassen, und einen direkten Ausdruck ergänzt. Schließlich muss man nicht unbedingt mit einem iPad durch die Hallen laufen, wenn eine einfache Liste mit Verlag, Spieltitel und Standnummer denselben Zweck erfüllt.
Und hat sich die zusätzliche Arbeit gelohnt? Auf jeden Fall!
Die Entwicklung unserer App macht mir inzwischen fast genauso viel Spaß wie die Beschäftigung mit den Spielen selbst. Neue Ideen entstehen oft direkt aus dem, was uns beim Spielen oder bei der Organisation unserer Sammlung fehlt. Daraus wird dann eine neue Funktion, die wiederum weitere Ideen mit sich bringt.
Irgendwie ist aus dem Werkzeug für unser Hobby längst ein weiterer Teil des Hobbys geworden.
Und wen wollen wir nun besuchen?
Nachdem unsere Crowdfunding-Projekte endlich etwas übersichtlicher geworden waren, begann der eigentlich spannende Teil: die Auswahl der Verlage und Spiele, die wir uns in Essen ansehen möchten.
Dabei ist eine durchaus beachtliche Besuchsliste zusammengekommen.
Besonders interessant sind natürlich die Verlage, bei denen wir gleich mehrere Projekte unterstützt haben. Bei Awaken Realms beispielsweise warten wir auf ganz unterschiedliche Spiele, von aufwendig neu aufgelegten Klassikern wie Agricola und Concordia bis hin zu großen Fantasy- und Science-Fiction-Projekten wie Lands of Evershade und Nemesis: Legacy.
Aber auch bei Mindclash Games, Chip Theory Games, Contention Games, Meeple Pug, FryxGames und zahlreichen weiteren Verlagen stehen Spiele auf unserer Liste, über die wir gerne mehr erfahren würden.
Und manchmal bringt die Recherche auch eine besonders erfreuliche Nachricht mit sich.
So können wir unser Exemplar von Fairytale bei Smartup Games direkt auf der SPIEL abholen. Nach der langen Wartezeit und meinen zwischenzeitlichen Zweifeln, ob das Spiel überhaupt noch ausgeliefert wird, ist das natürlich eine schöne Entwicklung. Ich hatte den Verlag angeschrieben und die Abholung vereinbaren können.
Damit dürfte eine unserer längeren Crowdfunding-Geschichten hoffentlich doch noch ihren guten Abschluss finden. Und anschließend werden wir natürlich auch über das Spiel berichten.
Bei anderen Projekten geht es uns weniger um eine konkrete Abholung. Vielmehr möchten wir sehen, wie weit die Entwicklung fortgeschritten ist, die Spiele nach Möglichkeit ausprobieren und vielleicht auch ein paar der Menschen kennenlernen, mit denen wir bislang nur über Kampagnenupdates oder E-Mails Kontakt hatten.
Denn gerade das macht eine Messe wie die SPIEL für uns so interessant: Hinter den Spielen stehen schließlich Menschen, Ideen und oftmals jahrelange Arbeit.
Zwischen Crowdfunding und neuen Entdeckungen
Bei aller Begeisterung für unsere unterstützten Projekte wollen wir allerdings nicht vier Tage lang ausschließlich Liefertermine erfragen.
Ganz im Gegenteil.
Die Crowdfunding-Liste soll uns helfen, gezielt einige Verlage zu besuchen. Sie soll aber keinesfalls bestimmen, wie wir uns durch die Messe bewegen.
Wir möchten weiterhin genügend Zeit haben, um uns überraschen zu lassen, unbekannte Spiele auszuprobieren und auch einmal ganz spontan an einem Tisch Platz zu nehmen.
Denn so schön es ist, einem lange erwarteten Spiel endlich persönlich zu begegnen, manchmal sind es gerade die völlig ungeplanten Entdeckungen, die einem von einer SPIEL besonders in Erinnerung bleiben.
Und am Ende geht es doch ums Spielen
Unsere Vorbereitungen sind damit längst umfangreicher geworden, als wir ursprünglich gedacht hatten. Und obwohl inzwischen zahlreiche Verlage und Spiele auf unserer Besuchsliste stehen, möchten wir uns genügend Zeit für spontane Entdeckungen lassen. Denn wahrscheinlich werden uns am Ende wieder gerade die Spiele besonders in Erinnerung bleiben, von denen wir vorher noch nie etwas gehört hatten.
Bei all den Listen, geplanten Gesprächen, Crowdfunding-Projekten und Programmpunkten wollen wir eines auf keinen Fall vergessen: Wir fahren vor allem nach Essen, weil wir gerne Brettspiele spielen. Und deshalb hoffen wir auf vier Tage voller großartiger Spiele, überraschender Entdeckungen und interessanter Menschen.
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